| Das Mariazellerland, bestehend
aus den Gemeinden Mariazell, Gußwerk, Halltal und St. Sebastian,
hatte diesen Winter die stärksten Schneefälle seit dem
Jahr 1943 zu bewältigen. Insgesamt fielen seit November 9,6
Meter Schnee, davon rund zwei Meter in der Woche auf den 9. Februar.
Nachdem bereits zwei Wochen zuvor das Dach des Mariazeller Rathauses
deutlich geringeren Schneefällen nicht standhalten konnte
(siehe Bericht im Blaulicht 2/2006), wurde befürchtet, dass
hunderte Gebäude durch die Schneelast einstürzen könnten.
Dies führte zu einem der größten Einsätze
in der Steiermark in der Nachkriegszeit, bei dem vom 9. bis 16.
Februar 2006 von 8.022 Einsatzkräften 128.352 Stunden geleistet
wurden. Insgesamt wurden 950 Objekte vom Schnee befreit. Die von
den Einsatzkräften abgeschaufelten Schneemassen würden
ein Fußballfeld 27 Meter hoch bedecken.
--> Ergänzung: Die Feuerwehr Mixnitz war vom Freitag
(09.02.2006) bis Mittwoch (15.02.2006) bei dem Einsatz vertreten.
Einerseits waren Mitglieder der Feuerwehr Mixnitz in der Einsatzleitung
sowie im Stab der FuB/KHD eingesetzt, andererseits auch unter
den Einsatzkräften, welche die Gebäude von den Schneemassen
befreit haben, vertreten. Zusätzlich war auch die Bergrettung
Mixnitz mehrere Tage lang in Mariazell.
Der Einsatz – eine Chronologie
Donnerstag, 9. Februar 2006
Am 9. Februar wurden die Feuerwehren des Abschnittes Mariazell
(FF Mariazell, FF Gußwerk, FF Gollrad, FF Weichselboden)
aufgrund starker Schneefälle alarmiert: Einige exponierte
Gebäude mussten vom Schnee befreit werden. Was zu dieser
Zeit noch ein normaler Einsatz zu sein schien, wie er in der Region
in jedem Winter mehrmals zu bewältigen ist, entwickelte es
sich in der Folge jedoch komplett anders.
Freitag, 10. Februar 2006
In der Nacht von 9. auf 10. Februar 2006 spitzte sich die Situation
dramatisch zu. Über ein Meter Neuschnee war auf die bereits
von den Vortagen vorhandene dicke Schneedecke gefallen, der Schnee
war teilweise am Dach angefroren und zu kompakten Massen geformt.
Die gesamte Region befand sich im Ausnahmezustand, auf jedes im
Einsatz befindliche Feuerwehrmitglied kamen mehrere Häuser,
die potenziell vom Einsturz bedroht waren. In Abstimmung mit den
örtlichen Bürgermeistern, der Bezirkshauptmannschaft
Bruck/Mur sowie dem Landesfeuerwehr- und dem Bezirksfeuerwehrkommandanten
wurde deshalb am 10. Februar 2006 um 9.40 Uhr Bezirksalarm ausgelöst.
165 Mann des Bezirkes Bruck/Mur sowie eine Einheit des Österreichischen
Bundesheeres unterstützten die örtlichen Kräfte
bei dringend notwendigen Sofortmaßnahmen bei besonders gefährdenden
Objekten.
Bis zum Ende des Tages war jedoch kein Ende des Einsatzes in
Sicht. Eher das Gegenteil war der Fall. Die Stärke der Schneefälle
nahm noch zu.
Samstag, 11. Februar 2006
Am 11. Februar wurde von den Behörden aufgrund der sich immer
ausweitenden Einsatztätigkeiten der Katastrophenzustand ausgerufen.
Obwohl die örtlichen Feuerwehren und die FuB/KHD des Bezirkes
Bruck/Mur bereits seit den Morgenstunden im Einsatz waren, wurde
rasch klar, dass mit den eigenen Kräften des Bezirkes die
Lage nicht mehr bewältigt werden konnte. Aus diesem Grund
wurden weitere FuB-Einheiten (Graz-Umgebung und Leoben) alarmiert.
Zusätzlich war auch das Bundesheer mit Einheiten aus St.
Michael und Leibnitz sowie das Militärkommando Steiermark
im Einsatz.
Die Arbeiten auf den Dächern gestalteten sich als äußerst
schwierig und gefährlich. Die Bergrettung sowie die Alpinpolizei
und Flug- und Höhenretter der Feuerwehr unterstützten
die Einsatzkräfte bei der Sicherung, um Abstürzen und
Verletzungen vorzubeugen.
Zusätzlich waren laufend fünf bis sieben Statiker im
Einsatzgebiet unterwegs. Ihre Aufgabe war es – auf Basis
der eingehenden Notrufe der Bevölkerung – die Gebäude
zu begutachten und entsprechend der Einsturzgefahr sowie sonstiger
Gefährdungspotenziale zu priorisieren. Je nach Gefährdung
wurde jedem Gebäude eine Kategorie zugewiesen (A: sofort
vom Schnee befreien, Einsturzgefahr; B: Schneelast bereits bedenklich,
jedoch keine direkte Einsturzgefahr; C: Schneelast nicht bedrohlich),
und diese nacheinander von den Einsatzkräften abgearbeitet.
Am Samstag übernahm auch die Gesamteinsatzleitung Mariazell,
bestehend aus der Behörde (Land Steiermark, Bezirkshauptmannschaft
Bruck/Mur, Exekutive), den Bürgermeistern sowie Mitarbeitern
der umliegenden Gemeinden, dem Landesbranddirektor, dem Bezirksfeuerwehrkommando,
dem FuB-Stab sowie Vertretern des ÖRK, des Bundesheers, der
Bergrettung und dem KIT-Team des Landes, die Koordination der
Einsatztätigkeiten.
Um 11.30 Uhr musste die Basilika aufgrund eines Statikergutachtens
für die Gläubigen gesperrt werden. Dies hatte zur Folge,
dass aufgrund des enormen Echos der Medien aus ganz Österreich
der Pressedienst der FuB-Bereitschaft zugleich Pressestelle der
behördlichen Einsatzleitung wurde. Die Unterbringung erfolgte
räumlich von der Einsatzleitung getrennt in einem benachbarten
Museum. Gegen Abend konnte die Sperre der Basilika, nachdem das
Dach von Einsatzkräften geräumt wurde, wieder aufgehoben
werden.
Sonntag, 12. Februar 2006
Bereits um 5.00 Uhr früh wurden von der Einsatzleitung die
Tätigkeiten für bevorstehenden Tag erhoben und priorisiert,
so dass den eintreffenden Einsatzkräften ihre Aufgaben ohne
Zeitverlust zugewiesen werden konnten. Neben den Feuerwehren aus
dem Bezirk Bruck waren auch noch FuB-Einheiten aus den Bezirken
Hartberg, Graz-Umgebung, Knittelfeld und Weiz sowie Einsatzkräfte
der BF Graz und der Feuerwehrschule anwesend. Die Arbeit der letzten
Tage setzte sich unvermindert fort.
Montag, 13. Februar 2006
Wie auch in den letzten Tagen besteht die Hauptaufgabe der Einsatzkräfte
darin den Schnee von den Dächern zu räumen. Über
550 Gebäude konnten seit Freitag bereits vom Schnee befreit
werden, rund 400 standen noch bevor. Feuerwehren aus neun steirischen
Bezirken und aus dem Burgenland sowie von der Feuerwehrschule
waren im Einsatz, die Einheiten des Bundesheeres wurden durch
das Militärkommando Niederösterreich sowie der FLA Zeltweg
und Aigen verstärkt.
Aufgrund der Schneefälle blieben in Mariazell auch die Schulen
gesperrt. Einerseits wurde das Bundesheer in der Schule untergebracht,
andererseits hätte der Weg zur Schule – durch den mit
den Einsatztätigkeiten verbundenen Fahrzeugverkehr sowie
die Schneemassen auf den Dächern – eine zusätzliche
Gefahr für die SchülerInnen bedeutet.
Für Mitte der Woche wurde Tauwetter vorhergesagt, was zu
einer teilweisen Schneeschmelze und damit zu einer weiteren Erhöhung
des Gewichtes führen würde. Es war deshalb notwendig,
dass die Einsatzmaßnahmen bis dorthin abgeschlossen werden.
Dienstag, 14. Februar 2006
Der sechste Tag der Einsatzmaßnahmen. Wieder waren eine
Vielzahl von Einsatzkräften im Einsatz: Feuerwehren aus zehn
steirischen Bezirken sowie von der Feuerwehrschule, das Bundesheer,
die Bergrettung und das Rote Kreuz.
Mittwoch, 15. Februar 2006
Tag 7 der Einsatztätigkeiten. Neben Kräften aus vier
steirischen Bezirken waren auch Mann-schaften der BF Wien eingesetzt.
Donnerstag, 16. Februar 2006
An diesem Tag wurde der Einsatz abgeschlossen. Am Donnerstagabend
konnte der Katastro-phenzustand im Raum Mariazell aufgehoben werden.
Übersicht über die Einsatzkräfte
Eingesetzte
Kräfte Gesamt
Eingesetzte
Mannschaften der Feuerwehren (nach Bezirk, Bundesland)
Vom 9. bis 16. Februar 2006 wurden von 8.022 Einsatzkräften
insgesamt 128.352 Stunden geleistet. Durch diesen außergewöhnlichen
Großeinsatz von Feuerwehren aus dem Land Steiermark, dem
Burgenland, der Berufsfeuerwehren Graz und Wien, der Feuerwehrschule,
der Bergrettung, der Alpinpolizei, des ÖRK, der Exekutive,
der Straßenmeisterei, des Bundesheeres und der vielen Fremdfirmen
konnte letztlich enormer Schaden und persönliches Leid verhindert
werden. Die große Anzahl von Feuerwehrkräften wurde
durch die hervorragende Unterstützung von Herrn Landesbranddirektor
Franz Hauptmann aktiviert, der sich mehrmals direkt vor Ort über
das Einsatzgeschehen informiert hat. Leider wurden beim Einsatz
ein Feuerwehrmann und zwei Bundesheersoldaten leicht verletzt.
Insgesamt wurden 950 Objekte vom Schnee befreit. Die von den
Einsatzkräften abgeschaufelten Schneemassen würden (laut
den Statikern) ein Fußballfeld 27 Meter hoch bedecken.
Fazit und Erkenntnisse
Die Zusammenarbeit aller Einsatzkräfte (Feuerwehr, Bundesheer,
Rotes Kreuz, Bergrettung) mit der behördlichen Einsatzleitung
und den örtlichen Bürgermeistern funktionierte ausgezeichnet.
Alle Maßnahmen wurden untereinander ständig abgestimmt
sowie eine laufende gegenseitige Information über die Aktivitäten
vorgenommen. Während der sechs Tage, in denen häufig
mit wenig Schlaf und großem Zeitdruck gearbeitet wurde,
sind keine Unstimmigkeiten und Probleme aufgetreten. Das Zusammenspiel
aller Kräfte funktionierte beispielgebend!
Die Gesamteinsatzleitung war im Rüsthaus der Feuerwehr Mariazell
untergebracht. Dies war einerseits von der Lage her (zentral im
Ortsgebiet) sowie von der Kommunikationsanbindung sehr positiv,
andererseits jedoch durch die hohe Anzahl an Personen aufgrund
der Vielzahl an beteiligten Einsatzorganisationen, Behörden
und Gemeinden, aus Platzgründen sehr problematisch.
Durch den massiven Einsatz von Einsatzkräften konnte großer
Schaden und Leid in der Bevölkerung verhindert werden. Bei
großflächigen Einsätzen mit hunderten von Schadensstellen
ist es immens wichtig große Personalreserven in der Hinterhand
zu haben.
In den ersten Tagen standen zu wenige Aufstiegshilfen (Hubgeräte,
Kräne, Leitern) zur Verfügung. Auch Lader und Lkw zum
Abtransport der Schneemengen mussten nachgeordert werden. Zur
Lösung des Problems wurden Spezialgeräte aus anderen
Bezirken sowie Fremdfirmen mit Kränen, Hubgeräten und
Lkws aus dem gesamten Bezirk angefordert, so dass ab Montag keine
Engpässe mehr aufgetreten sind.
Die Sicherung der Einsatzkräfte am Dach hatte absoluten
Vorrang. Der Einsatz der Bergrettung und Alpinpolizei sowie der
Höhenretter und Flughelfer der Feuerwehren sorgten dafür,
dass jedes Feuerwehrmitglied gesichert wurde. Durch diese gewissenhaften
Vorsichtsmaßnahmen kam es zu keinen ernsten Verletzungen
während des Einsatzes, was für die gute Ausbildung und
Absicherung der Einsatzkräfte spricht. Wie sich relativ rasch
herausstellte, war für die Einsatzkräfte zuwenig Sicherungsgeschirr
vorhanden. Dies wurde von der Abteilung für Landesverteidigung
und Katastrophenschutz, Herrn Hofrat Dr. Kalcher, sofort nachgeordert.
Für die ärztliche Versorgung und Vorsorge waren stets
Notarztteams und Rettungswagen verfügbar. Auch die Spitäler
Mariazell und Bruck waren in Alarmbereitschaft versetzt worden
um sofort einsatzbereit zu sein, sollte es zu Unfällen kommen.
Die Bundesstraßenverwaltung hatte von der Bezirkshauptmannschaft
den Auftrag die Straße vom Seeberg nach Mariazell permanent
zu räumen. Nur durch diese intensiven Tätigkeiten konnte
die große Anzahl von Einsatzfahrzeugen aus dem gesamten
Bundesland, dem Burgenland und Wien, relativ ungehindert anfahren.
Durch eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit wurden die regionalen
sowie überregionalen Medien von Seiten der Feuerwehr informiert.
Täglich wurden zwei (mit der behördlichen Einsatzleitung
abgestimmte) Pressemeldungen per Fax sowie per Email (inkl. Fotos)
übermittelt und so stets ein aktueller Stand des Einsatzgeschehens
vermittelt, sowie die Kontaktdaten des jeweiligen Ansprechpartners
an die Medien weitergegeben.
Aufgrund der Rückmeldungen der Statiker konnte in Zusammenarbeit
mit den Gemeinden sowie ortskundigen Feuerwehrmitgliedern eine
Prioritätenliste der Gebäude erstellt werden. Dadurch
konnten vom FuB-Stab laufend Arbeitsaufträge mit Detailangaben
erstellt und den Feuerwehren zugewiesen werden. Für die an
Mariazell angrenzenden Gemeinden Gußwerk, St. Sebastian
und Halltal wurden Sammelaufträge für die FuB-Bereitschaften
ausgestellt. Diese wurden dann dezentral in Zusammenarbeit mit
den Verantwortlichen der jeweiligen Gemeinden durchbesprochen
und selbstständig abgearbeitet. Ein Mitarbeiter wurde eingeteilt,
der sich ausschließlich um die Verfügbarkeit und Einteilung
der Kräne, Hebebühnen und sonstige Aufstiegshilfen von
Fremdfirmen kümmerte, um hier einen optimalen Ablauf gewährleisten
zu können.
Bei diesem Einsatz hat sich gezeigt, wie wichtig ein hundertprozentig
funktionierender Stab der FuB/KHD ist. Die gesamte Auftragskoordination
lief ausschließlich über den Stab, von den Mitarbeitern
wurde ausgezeichnete Arbeit geleistet. Die Besetzung der einzelnen
Funktionen konnte im Wechseldienst (pro Stabsfunktion sind drei
bis vier Feuerwehrmitglieder vorgesehen) abgewickelt werden. Künftig
ist auch verstärkt darauf zu achten, dass hier vorwiegend
Mitarbeiter vorgesehen sind, die problemlos dienstfrei bekommen.
Auch das KIT-Team des Landes Steiermark hatte in einigen Fällen
unterstützend eingegriffen und Unannehmlich-keiten von den
Einsatzkräften ferngehalten. |